Denkmalschutz ja, Denkmalschutz nein

Der Bauantrag für die Generalsanierung des Diözesanmuseums wurde vom Stadtrat knapp abgelehnt. Mit womöglich fatalen Konsequenzen. Ein Kommentar von Planungsreferent Franz Bernack.

Von Franz Bernack,

Das Oktogon, der achtseitige Anbau am Freisinger Diözesanmuseum, ist zweifelsohne ein für das Stadtbild prägendes Element auf dem Freisinger Domberg. Im Zuge der Generalsanierung des Museums sollte das Gebäude nun, so der Wunsch der Erzdiözese und der planenden Architekten, zu seiner ursprünglichen Form – ohne Oktogon – zurückfinden. Der Bauantrag für das Millionenvorhaben wurde gestern im Stadtrat mit 20:17 Stimmen abgelehnt. Ein Sieg für den Denkmalschutz? Das darf bezweifelt werden.

Mitte 2015 fand das Preisgericht für den Architekturwettbewerb rund um die Generalsanierung des zweitgrößten kirchlichen Museums der Welt statt. Das Preisgericht, in dem neben der Erzdiözese auch die Stadt Freising sowie das Landesamt für Denkmalpflege vertreten war, entschied sich für einen Entwurf der Architekten Brückner & Brückner. Das Konzept schlug vor, das Museum solle sich der Stadt öffnen. Durch ein neu gestaltetes Portal, durch vergrößerte Fenster und durch eine Erschließung der Freianlagen rund um das mächtige Gebäude herum sollte ein Bezug zur Stadt hergestellt werden. Seit zwei Jahren führten die Architekten die Planungen fort. Das Denkmalamt stimmte dem Konzept, das einen Abriss des Oktogons vorsieht, zu.

Das Oktogon war kein Teil des ursprünglichen Entwurfs des Museums von 1868. Erst ein paar Jahre später wurde der Abortturm ganz bewusst auf der vom Dom abgewandten Seite angebracht – mit direkter Entwässerung in die Innenstadt. Das macht den Turm heute nicht weniger zu einer städtebaulichen Marke, verdeutlicht jedoch den intendierten Paradigmen-Wechsel, den die Planer heute mit dem Projekt verwirklichen wollten. Wo derzeit auf dem Domberg ein Tor und ein Turm die Zuwegung zu den Freibereichen hinter dem Museum unmöglich machen, sollte eine Öffnung des Raumes stattfinden. Wo heute von der Stadt aus auf die einstige Rückseite des Gebäudes geblickt wird, sollte eine Verbindung hergestellt werden. Auf der Westterrasse des Dombergs sollte eine schöne Gastronomie Einheimische wie Besucher der Stadt einladen, die Aussicht auf die Dachlandschaft der Altstadt zu genießen. 

Diesem Konzept wurde nun leider mit knapper Mehrheit des Stadtrates eine Absage erteilt. Die Bedeutung des Turmes sei zu groß. Sein Abriss nicht begründbar. Wenn nur der Brandschutz das Thema sei, so könne ein Feuerwehrauto doch sicherlich auch um den Turm herumfahren. Missachtet wird jedoch, dass Erschließung an dieser Stelle nicht bedeutet, nur rein funktionale Anforderungen an Feuerwehrzufahrten und Anlieferbereiche zu erfüllen. Erschließung bedeutet aus planerisch-gestalterischer Sicht immer auch eine Wegeführung, eine Lenkung von Besucherströmen, eine Orientierung im Raum und vor allem auch Barrierefreiheit. Und hier steht der Turm leider sprichwörtlich im Weg.

Welche Auswirkungen die Entscheidung des Stadtrats nun hat, ist ungewiss. Der Beschluss war womöglich rechtswidrig gefasst (ja, auch der Stadtrat kann vorhandenes Baurecht nicht einfach nehmen), sodass der Oberbürgermeister seiner Überzeugung folgend eine rechtliche Prüfung dessen vornehmen lassen kann. Zeitgleich verdeutlichte die Erzdiözese als Bauherr, eine weitere Verzögerung der Maßnahme bedeute das Aus für das Projekt auf dem Domberg in dieser Form und führe zu einem Abzug von Exponaten in ein anderes Museum. Seit zwei Jahren habe man zusammen mit der Stadt und dem Landesamt für Denkmalpflege geplant. Nun den von allen Fachstellen genehmigten Entwurf über den Haufen zu werfen, sprenge das verfügbare Budget.

Neben den möglichen Auswirkungen auf die geplanten Investitionen auf dem Mons Doctus ist es jedoch das offenkundig denkwürdige Verständnis des Denkmalschutzes, das Befürchtungen für die Zukunft weckt. Da wird von Entscheidungsträgern im Stadtrat von vielen Seiten argumentiert, man könne der erteilten Genehmigung der Denkmalschutzbehörde nicht folgen. Für einen selbst sei der Erhalt des Anbaus am Museum zu bedeutsam. Im Nebensatz wird dann in Aussicht gestellt, künftig für alle Bauherren in der Altstadt ein lockereres Vorgehen bei denkmalpflegerischen Belangen zu verlangen. Eine fatale Schlussfolgerung. Da wird argumentiert, wenn das Oktogon so einfach fallen könne, so hätte man keinerlei Handhabe bei anderen Bauwerbern, den Denkmalschutz in die Planung mit einzubeziehen.

Doch beim Denkmalschutz geht es nicht darum, den derzeitigen Zustand eines Gebäudes mit allen Details und Elementen auf Biegen und Brechen zu konservieren. Die Forderung und Intention der Stadt Freising ist es immer schon, Eigentümer von Gebäuden mit Denkmalcharakter sollten ihre Planungen gemeinsam mit der Stadt und den zuständigen Denkmalbehörden erarbeiten. Kompromisse und Abwägungen sind immer möglich. Schwierig gestaltet es sich, wenn die Baugenehmigungsbehörde mit einem Bauantrag vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Wenn im Nachhinein ein fertiggestellter Entwurf unter denkmalpflegerischen Belangen bewertet wird. Dies war am Domberg nicht der Fall. Vorbildlich fand seit über zwei Jahren eine intensive Beteiligung der Stadt, der Denkmalbehörden sowie der Öffentlichkeit statt – die nun leider vorerst keine Früchte trägt.

Der Autor
Franz Bernack
Als Planungsreferent des Freisinger Stadtrats berichtet Franz Bernack insbesondere über Themen von städtebaulicher Bedeutung. Weiterlesen ...

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