Im Süden viel Neues: Als Freising in Bewegung kam

In der Freisinger Stadtgeschichte ist der 18. April 1945 einer der einschneidendsten Tage: Der einzige Luftangriff, der kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Menschen das Leben kostete, Familien auseinanderriss und das neue Freisinger Vorstadtviertel in Schutt und Asche legte.

Von Katrin Stockheim,

In der Freisinger Stadtgeschichte ist der 18. April 1945 einer der einschneidendsten Tage: Der einzige Luftangriff, der kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Menschen das Leben kostete, Familien auseinanderriss und das neue Freisinger Vorstadtviertel in Schutt und Asche legte.

„… wir hatten nur die fünf schweren Einschläge gezählt, die aber waren alle in Kette im Garten vom Isardamm herab, auf den freien Feldern und Wiesen, gegen den Bahnhof und gegen den Domberg, im neugepflegten Garten, wohl bei hundert Trichter zu zählen.“ Die persönlichen Tagebucheinträge des Kardinal Michael von Faulhaber machen das Geschehen vor dem Münchner Tor unvergesslich. Als da „brannte der Bahnhof, die Hauptpost, die Umgebung… lichterloh, besonders aber das große Lagerhaus… rechts auch Steinecker und Nachfolger von Schlüter, die protestantische Kirche mit großer Rauchwolke nach Südosten.“ Mit seinen Worten formuliert er auch die Zerstörung des ersten modernen Gewerbeviertels Freisings, das zwischen Isardamm und Münchner Tor über die zurückliegenden hundert Jahren Gestalt angenommen hatte. Mittendrin: die erste protestantische Kirche. Stolz, Zufluchtsort und die Erfüllung eines lang erbetenen Wunsches.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts musste sich Freising mit einem ersten großen Siedlungsdruck befassen: Die Menschen zog es in die Stadt, neuer Wohnraum musste erstmals außerhalb der Stadtmauern geschaffen werden. Aus kleinen Gewerbetreibenden wurden national und international handelnde Partner, die mehr Platz benötigten, als es die gewöhnlichen Hinterhofwerkstätten boten. Die Industrialisierung hatte Freising spätestens mit dem Bau der Ostbayerischen Eisenbahn zwischen Regensburg und München, mit Halt in Freising erreicht. Trotz vehementer Proteste der Freisinger Bevölkerung, Einwänden und Gutachten auf erhebliche gesundheitsschädliche Wirkungen wurden Bahnbetrieb und das neue Bahnhofsgebäude 1859 eröffnet. Neben dem Personenverkehr bot die Bahn natürlich den Gewerbetreibenden einen außerordentlichen Vorteil, sodass eine Ansiedlung neuer Betriebe im Vorfeld des Bahnhofs nicht lange auf sich warten ließ. Doch noch bevor die erste Fabrik hier ihre Tore öffnete, wurde am 4. September 1864 die erste protestantische Kirche eingeweiht. Beinahe zehn Jahre lang war man für die Gottesdienste Gast im Großen Rathaussaal gewesen. Die stetig wachsende Zahl der Gemeindemitglieder bekräftigen nach und nach die Initiative zum Bau eines eigenen Kirchenbaus. Nach längerer Suche fand man an der Münchner Straße ein geeignetes und finanzierbares Grundstück. Städtebaulich sollte die Wahl von Standort, Baulinie und gegenseitigem Bezug zwischen Kirche und Bahnhof bis heute prägend bleiben. Nach und nach besiedelten kleinere und mittlere Gewerbetreibende das ehemalige Schwemmland der Isar. Aus den Handwerksbetrieben entwickelten sich namhafte Motorenfabriken wie etwa die Maschinenfabriken von Hans Glas, Ursprung der Hans Glas GmbH in Dingolfing und 1966 aufgekauft von BMW, Anton Steinecker, heute Teil der Krones AG mit Standort in Attaching, oder Anton Schlüter. Gemeinsam symbolisierten Gebäude, Gewerbe, Vorstadtleben und die Menschen dahinter eine technisierte Moderne, die durch den Fliegerangriff im April 1945 zu einem vorläufigen Ende gebracht wurde.

Wiederaufbau, Neustrukturierung und Abwanderung folgten dem Aufschwung. Einzelne Bauten, wie das Bahnhofsgebäude sind uns bis heute erhalten geblieben. Andere Hallen wurden nicht wieder aufgebaut, wie die Eisengießerei der Familie Schlüter gegenüber der Kirche. Die gesamte Produktion samt Verwaltung wurde in das verbleibende Werk am Schlütergut verlegt. Andere Gebäude wurden nach einer weiteren gewerblichen Nutzung abgerissen oder umgenutzt. 1991 zog auch die Steinecker AG mit ihrem Werk nach Attaching um. Die Fabrikgebäude wurden abgerissen und durch Wohnbebauung ersetzt. Das gesamte Gebiet zwischen Münchner Straße und Gartenstraße ist bis heute durch Sanierung und Umbau im steten Wandel. Was erhalten geblieben ist, ist die Christi-Himmelfahrt Kirche. Bereits 1952, keine zehn Jahre nach der Zerstörung und fast hundert Jahre nach der Eröffnung des erstens Bauwerks, konnte der neue Kirchenbau feierlich eingeweiht werden. Mit der Sanierung dieses Bauwerks und der Einweihung des neuen Gemeindehauses im Dezember 2018 ist die Kirche nun wieder zu einem ortsbildprägenden und einladenden Zentrum am südlichen Ortseingang geworden. Umgeben von moderner Wohnkultur, historischen Fragmenten und einem Bahnhofsareal, dessen moderne Zukunft gerade beginnt.

Die Autorin
Katrin Stockheim
Stadträtin Katrin Stockheim ist Mitglied des Planungsausschusses und des Rechnungsprüfungsausschusses des Freisinger Stadtrats. Weiterlesen ...

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